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Achtung: Schwere Orientierungskrise (Superkrise) – produktiv, gefahrvoll

Vorbemerkung: Eigentlich „fruchtbar“

Das Wort „produktiv“ im Titel dieses Beitrags müsste eigentlich „fruchtbar“ heißen – Orientierungskrisen sind ein fruchtbarer Boden für Neues. Allerdings: Ein produktives Zeitalter wird daraus erst, wenn wir Menschen produktiv sind. Ähnlich braucht ein fruchtbarer Boden auch erst noch den Samen (die Pflanzen), das geeignete Klima usw., damit tatsächlich ein Ertrag entsteht.

Zu modern geworden

Orientierungskrisen treten ein, weil man so viele traditionelle Vorstellungen „über Bord“ geworfen hat, dass sich eine neue Sicht der Welt bietet: zum Positiven wie zum Problematischen.
Orientierungskrisen sind deshalb so gefährliche Zeiten, weil sie gewissermaßen „ohne Geländer“ sind. Die haltenden, verhaltensbegrenzenden Wirkungen früherer traditioneller Wertvorstellungen und Konventionen fehlen. Sie fehlen nicht ganz (bei weitem nicht) – aber doch sehr spürbar.

Zu geringfügiger Grundkonsens – breiter Strauß der Verhaltensweisen

Der Wertekonsens ist in diesen akuten Krisenphasen (unsere wird 2015-50 andauern) zu reduziert. Man kann dies mit einem Blumenstrauß vergleichen: Je weiter unten man ihn nimmt, desto weiter kann er sich öffnen. D.h. desto mehr weitet sich das Spektrum der Ideen, der Verhaltensweisen.
Dazu tragen im Übrigen noch weitere Effekte bei: U.a. nimmt die gemeinsame Erfolgssicherheit ab – ein gigantischer „Entwicklungstreiber“. Zu wenige Dinge scheinen noch sicher. Woran festhalten; was neu denken und machen?
Aktuell haben wir einen Strauß wirklich langstieliger Blumen in einer wirklich kurzen Vase.

Ausprobieren, erkunden

Solche Veränderungen der Gesellschaft – sie sind höchst günstig für die Künste, für die Mode, fürs Design, für neue wissenschaftliche Ideen. Alles kommt in den Genuss neuer Freiheiten, eines neuen „Warum nicht auch anders?“; einer rasch wachsenden Akzeptanz für Neues; ja einem Bedürfnis danach.
Und Vieles wird neu ausprobiert: Unsinniges, das womöglich rasch verschwindet – oder Richtungsweisendes, das die Kultur für lange Zeit prägen wird.

Achtung: Prekärer Bereich der Politik

Im Unterschied zu anderen Lebensbereichen ist die Politik allerdings etwas Besonderes. Niemand stirbt an irrer Kleidung, unmöglichem Design oder schlechter Musik (obwohl: in manchen Aufführungen ist man knapp davor).
Politik ist dagegen ein besonderer Bereich; man kann sogar sagen: ein prekärer Bereich. Hier geht es immer um Macht und Gewalt, Leben und Tod – und ihre Bewältigung durch Recht und Vernunft. Politik muss man ernst nehmen. Oder ernst nehmen lernen.
Verfehlte, menschenfeindliche politische Ideen haben das 20. Jahrhundert zum schlimmsten aller Zeiten gemacht. Ein helles Jahrhundert des Fortschritts; ein düsteres Jahrhundert der vielen Opfer.

Zeit der Bewährung

Was bringt die Zukunft? In jedem Fall eine Zeit der Bewährung.
Orientierungskrisen sind immer – seit Generationen im Voraus – festgelegt. Wir können ihren Eintritt nicht abwehren, nicht einmal ihr Timing verändern – so lauten unsere Befunde. (Wir würden andere kommunizieren, hätten wir andere.)
Aber ob diese Krisen einer Gesellschaft, einer Weltzivilisation Chaos oder guten Rückenwind bringen – das betrifft unsere Verantwortung.
Orientierungskrisen stellen unsere politischen Institutionen auf den Prüfstand.
Und nicht minder unser politisches Denken.
Und unsere politische Disziplin.
Und unsere menschliche Ernsthaftigkeit.
Wie gut, wie richtig, wie belastungsfest ist unsere politische Welt, unsere politische Gemeinschaft?

Schiff und Wellen

Solche Veränderungen der „Orientierungssituation“ hatte man bislang nicht im Blick; das Forschungsgebiet fehlte einfach noch: Man konnte nicht unterscheiden, ob unsere Staatsschiffe mit großen Wellen kämpfen oder von sanfter Dünung gewiegt werden.
Moderne, gut regierte, auf einen breiten Verhaltenskonsens und gute Praxis gebaute Demokratien (genauer: rechtsstaatliche Demokratien) sind bemerkenswert gute Schiffe. Aber man muss sie segeln können.
Ein Problem: Andere Schiffstypen (Staatstypen) können Problemmeldungen viel leichter unterdrücken. Scheinbar schaukelt es bei uns besonders heftig. Tatsächlich würden vergleichende Blicke manchen antidemokratischen Schreihals ernüchtern.
co

Zum Begriff „Demokratie“: Nicht ohne Rechtsstaatlichkeit

Erstaunlich unklar – selbst begrifflich

Die Vorurteile über die Demokratie – man begegnet ihnen selbst bei hochgebildeten Menschen. Und sie beginnen bereits beim Begriff selbst. „Demokratie“ – das könne man leicht übersetzen. Das heiße einfach „Herrschaft des Volkes“ und damit Herrschaft des Durchschnitts.
Doch tatsächlich ist „Demokratie“ in den freien Gesellschaften nur als ein Kürzel für „demokratischer Rechtsstaat“ in Verwendung. Das aber ist eine ganz spezifische Staatsform.

Nur äußerliche Namensgleichheit

Natürlich gibt es, geht man allein vom Begriff aus, scheinbar auch andere Arten von Demokratien: etwa sog. „Volksdemokratien“. Welcher östliche Führer hätte uns das nicht früher gesagt? Und sogar ein junges Mitgliedsland der EU will uns belehren, der demokratische Rechtsstaat sei eben „nur eine“ Variante der Demokratie.
Indes: Ohne Rechtsstaatlichkeit wird eine ganz andere Staatsform daraus. Dann klebt das schöne Etikett „demokratisch“ in Wirklichkeit auf einer bloßen Mehrheitsdiktatur; und weil es eine solche ohne Lenkung kaum gibt, wird daraus üblicherweise eine autoritäre Mehrheitsherrschaft.

Nicht ohne Rechtsstaatlichkeit

Lord Dahrendorf hat gesagt, im Zweifel wäre ihm die rechtsstaatliche Seite wichtiger; und auch historisch hat sich der demokratische Rechtsstaat – unsere Staatsform – aus dem neuzeitlichen Rechtsstaat herausentwickelt.
Es gibt sehr wohl Varianten des demokratischen Rechtsstaats; aber ohne letzteres Merkmal hat man lediglich eine Namensverwandtschaft, ohne Vergleichbarkeit in der Sache. Ähnlich unsinnig wäre es, blaue Autos miteinander zu vergleichen.

Wiege der Demokratie?

Deshalb ist es auch nicht hilfreich, auf die Gründung der Demokratie in der Antike hinzuweisen; damals hätte man unsere heutige Staatsform keineswegs als Demokratie eingestuft, sondern als sog. „gemischte Staatsform“ (genus mixtum), der man – sehr zu Recht – eine viel höhere Stabilität beimaß. Denn sie enthält – in Politik, Verwaltung, Justiz – auch ausgeprägte „aristokratische“ und „monarchische“ Elemente. Was der Funktionalität und Spezialisierung nicht selten sehr dienlich ist.

„Mehr Demokratie“

Das Etikett „demokratisch“ ist dennoch nichts Äußerliches: In rechtsstaatlichen Demokratien regiert letztlich immer jemand, der politisch gewählt wurde (Exekutive). Dasselbe gilt für die grundlegende Gesetzgebung (Legislative). – Und es bedeutet, wie sich zeigen ließe, eine wesentliche Verbesserung des „bloßen“ Rechtsstaats. Mit weit mehr Gerechtigkeit und Fairness; und höherer Funktionalität.
Allerdings sind Demokratien wie Segelboote: Man muss sie auch segeln können; sonst können sie ihre Vorteile nicht entfalten. Das führt uns – immer wieder – zum demokratischen Menschen. Und zu dessen politischer und menschlicher Bildung.
co